Konzept

Ausgangspunkt

Das SGB VIII stellt die Kinder- und Jugendhilfe immer wieder vor die Herausforderung, die dort eröffneten fachlichen Spielräume zu füllen und an neue gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen.

In der ressourcenorientierten Arbeit insbesondere bei der Fremdunterbringungsvermeidung wird immer wieder der Bedarf an temporären Aufenthaltsorten für Kinder und Jugendliche deutlich. Um eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, ist besonders in krisenhaften Situationen in der Herkunftsfamilie eine stabilisierende Ressource im Alltag notwendig. Ein funktionierendes Multifamiliensystem kann für das Kind die entscheidende Ressource sein. Damit bieten wir eine stationäre Betreuungsform an, die nicht familienersetzend, sondern familienergänzend ist.

  • DEFINITION CO-FAMILIEN
  • ZIELGRUPPE
Als Co-Familien werden ganz generell Familiensysteme bezeichnet, welche einem Kind aus belasteten Herkunftsfamilien einen Lebensort bieten. Auch wenn der Begriff „Familie“ bzw. „Eltern“ verwendet wird, sind damit alle familiären Lebensformen gemeint – es kann sich bei den Co-Familien um Menschen mit oder ohne eigene Kinder handeln, um Einzelpersonen, verheiratete oder verpartnerte Paare, Lebensgemeinschaften oder …Es gibt auch keine prinzipielle Altersbeschränkung – es kann sich auch eher um geschwisterliche, elterliche oder großelterliche Co-Familien handeln.
Das Angebot der Co-Familien richtet sich an Familien, bei denen eine klassische familienunterstützende Maßnahme im Rahmen einer ambulanten Familienhilfe nicht ausreichend ist. Gleichzeitig besteht aber eine enge und belastbare Bindung zwischen mindestens einem Elternteil und Kind, welche als protektiver Faktor für eine gesunde Kindesentwicklung identifiziert ist und daher unbedingt erhalten werden sollte.

Bestimmte wichtige Kompetenzen der Familien fallen für einen überschaubaren Zeitraum, regelmäßig wiederkehrend oder dauerhaft aus, z.B. wegen besonderer körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen, regelmäßigen stationären Aufenthalten (Psychiatrie, somatische Kliniken, Gefängnis), schweren Traumatisierungen, (Ex)Partnern, die regelmäßig erneut auftauchen bzw. verschwinden und das System (de)stabilisieren.

Prinzipiell ist das Angebot der Co-Familien für alle Altersgruppen denkbar. Bei Kleinkindern muss es genau abgewogen werden, wie lange die Aufenthalte im jeweils anderen Familiensystem dauern dürfen, ohne zu Bindungsunsicherheit zu führen. Co-Familien können je nach individuellem Bedarf in zwei Formen angeboten werden: Die Gasteltern und die Paten, wobei die Übergänge fließend sein können.

Der Prozess

Wir akquirieren einen Pool an potenziellen Co-Familien aus unterschiedlichen Lebenswelten. Darauf folgt die Schulung der Co-Familien, um eine theoretische Basis für die Umsetzung der Hilfe zu schaffen. Der Prozess beginnt mit der Vermittlung einer geeigneten Co-Familie aus dem Pool. Anschließend begleiten und beraten wir sowohl die Herkunfts- als auch die Co-Familiensysteme und das Kind auf dem Weg hin zu einem funktionierenden Mehrfamiliensystem.

  • Akquise
  • Schulung
  • Vermittlung
  • Begleitung und Beratung
Die Co-Familien werden über ein Mehrebenensystem akquiriert. Besonders im direkten Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen werden Schlüsselpersonen gesucht und geprüft, ob die Möglichkeit der Umwandlung in ein Co-Familiensystem besteht.

Außerdem wird an den Knotenpunkten sozialräumlicher Netzwerke angesetzt. So werden Kindertagesstätten und Familienzentren angesprochen und genutzt, um Familien über das Konzept der Co-Familien zu informieren und diese bei Interesse als Co-Familien zu aktivieren. Weiterhin werden in Eltern-Cafés und bei Familien-Treffs weitere Familien angesprochen, informiert und akquiriert. Durch die Kooperation mit Kirchengemeinden und Sozialraummanagern werden weitere Zugänge zu möglichen Co-Familien eröffnet. Informationsangebote an Volkshochschulen, bei Stadt-, Straßen- und Sommerfesten sowie Kinderflohmärkten setzen sehr niedrigschwellig an und ermöglichen die direkte Kontaktaufnahme.

Ziel bei der Akquise ist eine möglichst große Vielfalt an Familiensystemen im Pool der Co-Familien, um eine passgenaue Unterstützungsform für jedes Herkunftssystem anbieten zu können.

Vor der Aufnahme eines Kindes

Vor der Erstaufnahme eines Kindes in eine Co-Familie wird diese grundlegend in Bezug auf rechtliche Rahmenbedingungen, Aufgaben einer Co-Familie sowie prozessabhängig mögliche Entwicklungen und Reaktionsmöglichkeiten geschult. Die basale Eingangsschulung ist im Vergleich zur klassischen Pflegeelternschulung kurz gehalten und auf die wesentlichen Inhalte begrenzt. Eine Anerkennung als Pflegeeltern muss durch den örtlichen Träger erfolgen.

Schulungen und Gruppenangebote

Die weiterführenden Schulungen gliedern sich in grundlegende theoretische Ansätze sowie angeleitete Reflexion der eigenen Haltung und deren Entstehung. Außerdem wird individuell auf den Einzelfall bezogen Beratung und Begleitung durch unsere Mitarbeiterinnen angeboten.

Bei den Schulungen werden je nach Thematik entweder Herkunftsfamilien und Co-Familien gemeinsam oder getrennt geschult. Dabei wird der Gedanke der gemeinsamen Verantwortung für das Kind konsequent zu Ende gedacht – beide Familien erhalten Unterstützung und die Möglichkeit, sich wissen anzueignen. Dies dient sowohl dem Austausch innerhalb des Gesamtkontextes jedoch auch der Reflexionsmöglichkeit der Co-Familien. Das Schulungscurriculum beinhaltet die Themen Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie, Psychische Störungen, Kinder psychisch kranker Eltern, Resilienz, Trauma, Parentifizierung etc., die durch eine Mischung aus Wissensvermittlung und Erfahrungsaustausch für die Familiensysteme greifbar gemacht werden.

Außerdem gibt es Diskussionsrunden in Bezug auf Themen, welche den Alltag von Mehrfamiliensystemen praktisch beeinflussen. So gibt es zu Thematiken wie beispielsweise „Psychische Störungen – was bedeutet das bei uns im Familiensystem?“, „Ängste und Sorgen von Herkunftsfamilien und Co-Familien“, „Kommunikationsstrategien in multiplen Familiensystemen“ und „Wie geht es dem Kind mit…?“ Veranstaltungen, bei denen der Einbezug der betroffenen Personen im Mittelpunkt steht und Austausch sowie Beratung im Sinne eines multifamiliären Ansatzes stattfindet.

Wir stellen einen Pool an geeigneten und grundgeschulten Familien zur Verfügung. Bei Anfrage eines Jugendamtes wird im Einzelfall eine passende Familie ausgewählt und nach Absprache mit dem Jugendamt, der Herkunftsfamilie und der Co-Familie eine Kennlernphase angebahnt.

Handelt es um die Installation von Gasteltern, so beginnt die Hilfe in der Regel mit einem „Umzug auf Probe“, welcher intensiv durch uns begleitet wird. Dabei finden Termine sowohl mit der Herkunftsfamilie, der Gastfamilie und dem Kind oder Jugendlichen einzeln sowie gemeinsam statt. Nach dem Ablauf der vorher definierten „Probezeit“ wechselt der Lebensort des Kindes bei Passgenauigkeit zur Gastfamilie.

Handelt es sich bei der Herkunftsfamilie um ein System, welches langfristig individuell angepasste Unterstützung durch ein zusätzliches Familiensystem für das Kind oder den Jugendlichen benötigt, so erfolgt die Vermittlung eines oder mehrerer Paten. Auch hier erfolgt nach Absprache mit der Herkunftsfamilie, dem Jugendamt, den Paten und dem Kind oder Jugendlichen ein Kennenlernen sowie je nach Bedarf die Planung der Aufenthaltszeiten des Kindes oder Jugendlichen im jeweiligen System.

Neben dem Grundstein, welcher durch die Schulung der Co-Familien sowie der Herkunftsfamilien für einen gelingenden Hilfeprozess gelegt wird, stellt die Begleitung und Beratung der Multifamiliensysteme die zweite große Säule des Konzeptes der Co-Familien dar. Das bedeutet im konkreten Einzelfall eine individuell angepasste Beratung und Begleitung in Form von Einzelgesprächen und Gesprächen mit allen am System beteiligten Personen. Dabei wird sowohl parallel in den beiden Familiensystemen gearbeitet als auch gemeinsam beim Zusammenspiel dieser Systeme angesetzt.

Die individuelle Beratung bezieht sich auf Fragen zur Ausgestaltung des Pflegeverhältnisses aber insbesondere auch auf (sozial)rechtliche Fragestellungen. Außerdem wird während der Zeit der Unterbringung eines Kindes/ Jugendlichen in einer Co-Familie die Familie regelmäßig mindestens monatlich durch eine sozialpädagogische Fachkraft begleitet. Diese steht auch bei Krisen und Konflikten zur Beratung zur Verfügung.

Die Herkunftsfamilien werden ebenfalls individuell begleitet und beraten. Dabei stehen die Vermittlung von alltagsnotwendigen Kompetenzen sowie die Anleitung der Erprobung und Einübung dieser durch die Familienmitglieder im Vordergrund, um die Bedingungen herzustellen, welche Voraussetzung für die Steigerung der Aufenthaltszeit des Kindes im Herkunftshaushalt sind.

Die Mitarbeiter im Verein Co-Familien sind für alle am System beteiligten Personen Ansprechpartner und verstehen sich als Netzwerkmoderatoren, welche im System vermitteln und moderieren. Dabei steht der spezielle Blick auf Familiensysteme im Vordergrund, welcher sowohl systemische als auch reframende Aspekte beinhaltet, um dem aktuellen System angemessen zu begegnen. Besonders die Wertschätzung kreativer Ausprägungen der Individualität einzelner Personen aber auch des Gesamtsystems prägt die Begleitung und Beratung der Familien.

  • Gasteltern
  • Paten
  • Bedarfsorientierung
Gasteltern sind vom Grundsatz her familienergänzend angelegt und stellen eine Lösungsmöglichkeit dar für den Fall, dass die Belastungen innerhalb der Herkunftsfamilie in absehbarer Zeit behoben werden können und das System wieder entwicklungsfördernder Lebensort des Kindes sein kann. Für einen klar abgegrenzten Zeitraum wechselt dann der Lebensort des Kindes vollständig zu den Gasteltern, um in der Herkunftsfamilie Raum für Entwicklung und Veränderung zu schaffen. Dieser Raum wird für die Wiederherstellung der kindgerechten Lebensbedingungen genutzt, so dass das Kind anschließend wieder ganz oder größtenteils im Herkunftssystem leben kann.

Die Herkunftsfamilie bleibt während des gesamten Prozesses bewusst wichtiger Bestandteil des Lebens des Kindes, dies ist besonders vor dem Hintergrund der Rückführung von Bedeutung. Um einerseits die Konkurrenz und andererseits die Veränderungen für das Kind so gering wie möglich zu halten, sollen Gasteltern aus einer der der Herkunftsfamilie ähnlichen Lebenswelt stammen. Dies bezieht sich auf Lebensweise, Wohnort, sozialen Status, Alltagsstruktur, etc. Gerade für ältere Kinder und Jugendliche ist damit die Umstellung auf die neue Lebenssituation einfacher und idealerweise können bestehende und stützende soziale Bezüge erhalten bleiben. Kinder und Jugendlichen können bestehende oder entstehende Probleme in der individuellen Lebenswelt lösen und damit nachhaltige und in der Zukunft selbstständig umsetzbare Lernerfahrungen machen. So kann die individuelle Problemlösekompetenz der Kinder und Jugendlichen langfristig gesteigert werden.

Die Individualität des Konzeptes Gastfamilie in Abgrenzung zu einer klassischen Pflegefamilie besteht neben der bereits benannten Lebensweltorientierung in der Erweiterung der Zielgruppe auch auf ältere Kinder und Jugendliche und der klaren zeitlichen Begrenzung. Außerdem zeichnet sie sich durch die enge Verbindung von Herkunfts- und Gastfamilie aus. Es soll eine konstruktive Kooperation der beiden Familiensysteme geben in der sich die Eltern – leibliche Eltern sowie Gasteltern – in einer Partnerschaft erleben. Erziehung sowie die Gestaltung der Rahmenbedingungen für die gesunde Entwicklung des Kindes soll als Gemeinschaftsaufgabe verstanden werden.

Paten sind ebenfalls grundsätzlich „familienergänzend“ angelegt und in diesem Punkt noch deutlich ausgeprägter als Gasteltern. Der Begriff der Patenfamilie beschreibt eine Parallelfamilie, welche auf einen unbestimmten Zeitraum installiert wird und die Kinder daher langfristiger begleiten kann. Im Fall der Einrichtung einer Patenfamilie für ein Kind wechselt der Lebensort nicht vollständig, sondern wird um einen zusätzlichen Lebensort erweitert.

Je nach aktueller Situation in der Herkunftsfamilie, Entwicklungsstand der Kinder, Belastbarkeit und Kompetenzen der Eltern wird entschieden, wie viel Zeit die Kinder bei den Paten und wie viel Zeit sie in der Herkunftsfamilie verbringen. Das Konzept ist hochgradig flexibel und lässt sich jederzeit an Veränderungen anpassen. So kann es anfänglich und in krisenhaften Phasen zu einem hohen Aufenthaltsanteil des Kindes in der Patenfamilie kommen, bei einer stabilen Situation im Haushalt der Herkunftseltern hingegen können Kontakte zur Patenfamilie auf wenige Stunden in der Woche reduziert werden. Die Patenfamilie dient damit als Art „Auffangnetz“, welches das Herkunftssystem stützt wenn dieses aufgrund mangelnder Ressourcen oder akuter Belastungen nicht in der Lage ist, für das Kind zu sorgen. Außerdem stellen die Paten erwachsene Alternativbezugspersonen dar, indem sie dem Kind ein konstantes Beziehungsangebot machen. Dies ist ein eindeutig protektiver Faktor in Bezug auf die Kindesentwicklung und steigert den Grad der Resilienz eines Kindes nachgewiesenermaßen.

Die Paten können dem Kind im Optimalfall ein Leben lang, jedoch auf jeden Fall für die Zeit der gewährten Hilfe als Ansprechpartner und stützende Ressource dienen. So kann sich das Kind in Konfliktsituationen selbstbestimmt Unterstützung suchen und erfährt dabei Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig ist bei den Paten wie bei den Gasteltern das grundlegende Verständnis einer Kooperation auf Elternebene von großer Bedeutung, damit die Lebenswelt des Kindes Stabilität erfährt und Entwicklung möglich ist.

Die Übergänge zwischen Gasteltern und Paten sind im Idealfall fließend und in ihrer Intensität immer an die Bedürfnisse des Kindes angepasst. Aber natürlich muss das jeweilige Modell auch immer zum Lebensentwurf der Gasteltern und Paten und zu den Vorstellungen der Herkunftsfmailie passen. Daher wird der gesamte Prozess und die Abwägung der Interessen immer professionell begleitet.  

Einzugsbereich

Dieses Angebot bieten wir im Bereich des Kreises Unna, des Kreises Recklinghausen und des südlichen Kreises Coesfeld inklusiver aller eigenständigen Kommunen (Unna, Kamen, Lünen, Bergkamen, Selm, Werne, Dülmen, Recklinghausen, Haltern, Dorsten, Marl,  Castrop-Rauxel, Gladbeck, Herten, Oer-Erkenschwick, Waltrop, Coesfeld) an.